I am not a postmigrant artist!

I’m not a postmigrant artist!“1

von Maximilian Grafe

Vom 20. bis zum 22. März fand im Goethe-Institut London die Konferenz „Postmigrant Perspectives on European Theatre“ statt. Entstanden als Teil des Forschungsberichts „Theater und Migration – Dokumentation, Einflüsse und Perspektiven von Migration im europäischen Theater seit 1990“ der freien Kulturwissenschaftlerin Dr. Azadeh Sharifi (Berlin), wurde die Konferenz von ihr gemeinsam mit dem Goethe-Institut London und der deutschen Sektion des Internationalen Theaterinstituts organisiert.

In ihrer Forschungsarbeit untersucht Azadeh Sharifi die politischen und kulturellen Auswirkungen von Migration auf die europäische Theaterlandschaft anhand von Künstlern, Institutionen und Projekten wie etwa „Europe Now“. In diesem von der schwedischen Kulturpolitikerin Rani Kasapi angestoßenen Projekt kooperieren Theaterhäuser aus Deutschland, Schweden, den Niederlanden, Großbritannien und der Türkei, um den in ihnen aktiven Theatermachern die Möglichkeit zu geben, ihre künstlerischen Positionen zu stärken und diese durch den Austausch miteinander voranzubringen.

Die Konferenz „Postmigrant Perspectives on European Theatre“ hat diese Entwicklungen aufgegriffen und den anwesenden Künstlern, Wissenschaftlern und Kulturpolitikern für drei Tage ein Forum zur Verfügung gestellt um postmigrantische Positionen zur Disposition zu stellen und Fragen von Repräsentation, Kooperation und Institutionalisierung miteinander zu diskutieren. Die Konferenz in London war dabei der Ausgangspunkt für eine Reihe von Konferenzen und Diskussionsrunden, die ihre Fortsetzung u.a. im Herbst in der FU Berlin finden werden.

Dass in London noch Vertreter der viel gescholtenen Entscheidungsträger des etablierten Theaterbetriebs fehlten und dass mit Teilnehmern aus nur vier Ländern bei weitem keine gesamteuropäische Perspektive möglich wurde, war von den Organisatoren durchaus so gewollt. Das zentrale Ziel der Konferenz in London war es vielmehr, einen ersten, grundlegenden Gedankenaustausch anzustoßen, gemeinsame Fragen zu stellen, Perspektiven zu entwickeln und Potenziale auszuloten, die andere Konzepte und Instrumente für ein europäisches „postmigrantisches“ Theater möglich machen.

You will always feel attacked“2

Wenn sich 13 Referenten auf dem Podium miteinander und mit dem Publikum über so unterschiedliche Themen wie migrantische Narrative, kulturpolitische Strategien des Empowerment oder die Verhältnisse von Agency und Structure, bzw. Macht und Notwendigkeit austauschen, muss letztlich jeder Versuch, retrospektiv alle Facetten und Argumentationslinien darzustellen, scheitern. Das Einzige, was eine solche Vielgestaltigkeit widerzuspiegeln erlaubt, ist der Versuch eines eigenen Narrativs, einer zutiefst subjektiven Perspektive. In meinem Fall eine Perspektive, die von einem anderen Erfahrungshorizont ausgeht als demjenigen der meisten Teilnehmer: Für mich, wie für den weitaus größten Teil der deutschen Theaterlandschaft, ist die persönliche Erfahrung von (institutionellem) Rassismus eine Leerstelle.

Der Rassist ist immer der Andere – auch und vor allem in der sozialen Utopie des Theaters. Debatten wie diejenige um das „Blackfacing“ – ganz egal, mit welchem Impetus sie geführt werden – neigen daher dazu, eine Reaktion hervorzurufen, die Nasim Aghili, eine schwedische Performerin und Regisseurin, zusammengefasst hat als „You will always feel attacked“. Ganz gleich, mit welcher Höflichkeit oder aber Radikalität die Argumente vorgebracht werden, das Grundgefühl einen Spiegel vorgehalten zu bekommen bleibt das gleiche. In London gab es viel Potenzial für die „white middle class“ sich „attacked“ zu fühlen.

Hatte man sich die narzisstische Kränkung der eigenen aufgeklärten, toleranten, kritischen Weltsicht aber bewusst gemacht, dann gab es ein weitaus größeres Potenzial für das Nachdenken über ein sehr spezifisches Element einer kommenden Theaterlandschaft. Ein Element, das auf der Konferenz – und auch in diesem Artikel – mit dem Begriff „postmigrantisch“ belegt wurde.

Die Crux der Begriffswahl brachte der Leiter des Amsterdamer Kunst- und Kulturzentrums „Tolhuistuin“, Chris Keulemans, mit den Worten „We might not need labels, but we need reflection“ zum Ausdruck. Die Notwendigkeit, eine sprachliche Basis zu haben, um über eine Entwicklung, einen Zustand oder eine Utopie nachzudenken, birgt die Gefahr, Prozessen ihre Prozesshaftigkeit abzusprechen, Kunst in Schubladen zu versenken und Menschen hinter der Deutungshoheit nur einer einzigen Identität verschwinden zu lassen. Kein Beitrag der eingeladenen Referenten – wie auch der sich zu Wort meldenden Diskussionsteilnehmer – kam daher ohne den Versuch aus, das jeweils eigene Verständnis der Terminologie zu verdeutlichen. So machten die teilnehmenden Künstler, wie etwa der Berliner Autor Deniz Utlu, immer wieder deutlich, ihre Kunst um der Kunst selbst willen zu schaffen und nicht um ein vorhandenes Label – sei es nun queer, post-colonial oder eben postmigrantisch – zu bedienen. Allen Beiträgen gemeinsam waren dabei jedoch zwei Dinge:

  1. Die Einsicht in die Notwendigkeit einer erst noch zu schaffenden sozialen Realität von gleichen Zugangsmöglichkeiten und der Repräsentation verschiedener Narrative.

  2. Die kommende Utopie einer tatsächlich post-migrantischen Theaterlandschaft, sowohl im nationalen wie im europäischen Rahmen.

The centre doesn’t have to think about the periphery“

Unsere Gesellschaft ist divers, bunt und vielgesichtig. Unsere Theater sind es nicht. Aber warum sollten sie es sein? Hassan Mahamdallie aus dem „Diversity-Department“ des britischen Arts Council beschrieb in seinem Beitrag die Entwicklung der Nachkriegs-Theaterszene Großbritanniens. Ein Element, das er darin besonders hervorhob, war das Potenzial für Innovation, welches dem Theaterschaffen von Menschen mit verschiedenen kulturellen Backgrounds innewohnt. Für Mahamdallie liegt der Grund dieses Potenzials in der Feststellung „The centre doesn’t have to think about the periphery“. Die reale soziale, politische und ökonomische Machtverteilung macht es möglich, dass diejenigen mit Entscheidungsbefugnis die Fragen, Erfahrungen und Probleme dessen was in London immer wieder als „das Marginalisierte“ bezeichnet wurde, nicht mitdenken müssen – außer wenn eben wieder Geschäfte in Tottenham geplündert werden. „Die Peripherie“ hingegen muss sehr wohl lernen, die Perspektive des Zentrums einzunehmen, will sie dem Zustand des „Marginalen“ entkommen („Menschen mit Migrationshintergrund“, wie die deutsche Bürokratie sie gerne nennt, gehören zweifellos zu ebenjenem „Marginalisierten“). „Die Peripherie“ bringt also nicht nur ihre eigenen kulturellen Perspektiven in den Diskurs ein, sondern auch einen anderen Blick auf das bereits Bestehende. Wenngleich man dieses Schema in einer hochkomplexen Massengesellschaft wie der heutigen für zu simpel halten kann, so macht es doch ein Prinzip deutlich, in dem die real existierenden Produktions- und Förderbedingungen unserer gegenwärtigen Theaterlandschaft Potenziale von Geschichten, Erfahrungen und vor allem Menschen unserer Gesellschaft völlig ungenutzt lassen.

Projekte wie etwa das Ballhaus Naunynstraße zeigen, dass diese Potenziale sehr erfolgreich genutzt werden können. Nicht nur auf Grund seiner erfolgreichen Arbeit, sondern auch auf Grund der Tatsache, dass der Begriff „postmigrantisch“ im Kontext der Intendanz von Shermin Langhoff entstanden ist, war es bedauerlich, dass aus terminlichen Gründen weder die designierte Intendantin des Maxim-Gorki Theaters noch einer der Vertreter des Ballhaus Naunynstraße auf der Konferenz anwesend sein konnten. Da die Diskussionen im Rahmen von Debatten um postmigrantische Elemente der deutschen Theaterlandschaft aber immer wieder um das Theater in Kreuzberg kreisten, wurde das Ballhaus trotzdem zu einer Art abwesend Anwesendem. Es bleibt zu hoffen, dass dies eine Perspektive ist, die bei den geplanten Folgekonferenzen (auch personell) in sehr viel konkreterer Weise eingebracht wird.

A Utopia about the city […] from its peripheries“3

Die in London geführten Diskussionen und Inspirationen zu nutzen, aus ihnen Konzepte und Instrumente zu entwickeln und sie in den Diskurs mit anderen Theaterschaffenden sowie Entscheidungsträgern zu bringen, darum wird es in den Debatten, Publikationen und vor allem den angedachten Folgekonferenzen gehen. Die Konferenz „Postmigrant Perspectives on European Theatre“ kann damit ein Beitrag zu einem Dialog sein, der schlicht und ergreifend notwendig ist. Ein Dialog, der zu dem führen könnte, was Chris Keulemanns bezeichnet hat als „[a] kind of theatre that is able to show the collective consciousness of the panoramic identity“.

1Nasim Aghili

2Nasim Aghili

3Azadeh Sharifi

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