Die Frage nach dem politischen Ich

Als Kind von politischen Exilanten glaubt man, per se politisch zu sein. So ging es nicht nur mir, sondern auch vielen anderen Kindern, auch Kindern der Freunde meiner Eltern. Man wächst auf mit einem politischen Bewusstsein – zumindest glaubt man das. Man wird als Kind zu politischen Diskussionsrunden mitgenommen, die provisorisch in den Wohnzimmern von anderen Exilanten stattfinden. Und als Kind beginnt man ebenfalls zu debattieren – in meinem konkreten Fall haben meine Schwester und ich in den Kinderzimmern der Kinder der anderen Exilanten die Debatten unserer Eltern nachgespielt. Wir haben so getan, als ob unsere Spiele die Welt bewegen würden. Wie unsere Eltern, die in ihren hochtrabenden und weltbewegenden Diskussionen über Aufstände von Arbeiter_innen in irgendeinem Teil der Erde sprachen. Wir haben uns sogar die Gestik des erhobenen Zeigefingers angeeignet, die immer dann eingesetzt wurde, wenn es darum ging, unseren Argumenten Ausdruck zu verleihen. So habe ich mich weit bis ins Erwachsenenalter als politische Person angesehen. Viel später ist mir jedoch klar geworden, dass die passive Teilhabe nicht gleichzeitig eine aktive Teilnahme bedeutet. Mit den Wahlen im Iran im Jahre 2009 hat sich quasi der Schalter in meinem Kopf umgelegt. Partizipation heißt nicht nur, von seinem Recht der Meinungsäußerung Gebrauch zu machen. Partizipation heißt, diese auch öffentlich und mit Nachdruck einzufordern.

Im Gegensatz zu der vorherrschenden Meinung, dass mit 2011 der Beginn der weltweiten sozialen Protestbewegungen der Jugend mit politischen Bewegungen wie „Arab Spring“, „Occupy Wall Street“ in New York und in den europäischen Metropolen, dem Aufstand in Griechenland und den „Tottenham riots“ in London begonnen hat, haben diese für mich und anderen Iraner_innen weltweit ihren Anfang im Sommer 2009 im Iran.

Im Juni 2009 begann die mediale Aufmerksamkeit auf Iran, welche nach einzelnen Vorberichterstattungen über die Stimmung im Iran, die sich um die Wahlen vermehrten, schließlich in einer Dauerberichterstattung über die aufkommenden Massendemonstrationen in Teheran und anderen iranischen Großstädten ihren Höhepunkt fand. 2009 ging die erste Amtsperiode von Mahmoud Ahmadinedschad, dem weltweit gefürchteten und gleichzeitig weltweit bewunderten Präsidenten der Islamischen Republik Irans, zu Ende. 2005 als ein wahrer Volksvertreter gewählt, der sich angeblich im Gegensatz zum Establishment der islamischen Geistlichen für die Belange des einfachen Volkes interessierte, wurde Ahmadinedschad schnell zu einem wahren Fluch für die jungen Iraner_innen. Er setze unter anderem die Verschärfung von islamischen Vorschriften durch, die beispielsweise auch eine Trennung der Geschlechter in den Universitäten vorschrieben. Die mehrheitlich jungen Iraner_innen gingen trotz Politikverdrossenheit zu den Wahlen, weil ihnen die Abwahl von Ahmadinedschad und seinen paramilitärischen Schergen als einzige Rettung vor der Aufgabe ihrer letzten Freiheitsbastionen erschien. Nachdem die Ergebnisse mit einer überwältigenden Mehrheit für Ahmadinedschad in der Wahlnacht verkündet wurden, begannen die ersten Proteste mit dem Vorwurf des Wahlbetruges. Immer mehr junge Menschen gingen in den nächsten Wochen und Monaten mit der Forderung „Where is my vote?“ (Wo ist meine Stimme?) auf die Straßen Teherans und bald auch anderen Großstädten Irans. Diese Demonstrationen wurden mit weltweiten Solidaritätsbekundungen begleitet. Wie in jeder anderen europäischen Großstadt veranstalteten auch in Berlin iranische Dissident_innen Demonstrationen. Zunächst als einmalige Veranstaltung gedacht, fanden diese dann täglich statt, um die Protestierenden im Iran zu unterstützen. Und ich, die ich mich als politische Person verstanden habe, habe an den Demonstrationen teilgenommen. Ich habe zu dem Zeitpunkt in einer der großen Bibliotheken Berlins an meiner Dissertation gearbeitet. In meiner Doktorarbeit habe ich mich mit der kulturellen Partizipation von Einwanderer_innen in der zweiten und dritten Generation in Deutschland beschäftigt. Ich habe mich zwar theoretisch mit gesellschaftlicher Teilhabe beschäftigt, aber erst in den folgenden Monaten sollte ich lernen, was es tatsächlich heißt, an einer politischen Bewegung zu partizipieren.

Die iranischen Proteste gehörten zu den ersten politischen Bewegungen, die über die sozialen Medien Verbreitung finden sollte. Die jungen Protestierenden luden über ihre Mobiltelefone Videos und Bilder auf Facebook hoch und twitterten über Demonstrationen, Verhaftungen und Ermordungen, die wir, die im sicheren Ausland saßen, weiter verbreiteten. Ich habe zwei Monate nur noch vor dem Computer oder bei Demonstrationen verbracht. Ich habe alles andere ausgeblendet. Geburtstage von Freunden, meine Dissertation und das Leben in Berlin. Ich habe mich als Protestlerin verstanden. Ich habe geglaubt, dass ich mit meiner Unterstützung im Iran etwas bewegen kann. Aber erst mit dem Tod von Neda ist mir klar geworden, dass ich es eben nicht kann. Neda war eine junge iranische Frau, die am 20. Juni 2009 mit ihrem Musiklehrer auf den Straßen Teherans unterwegs war – mehr um die Demonstrationen zu beobachten als an ihnen teilzunehmen. Sie wurde von einem Heckenschützen durch einen Kopfschuss getötet. Durch mehrere Videoaufnahmen, die im Internet veröffentlicht wurden, ging das Bild der jungen Frau um die Welt. Sie wurde das Synonym für das Schicksal der jungen Iraner_innen, deren Individualität nur in der Privatsphäre möglich ist. Im öffentlichen Raum ist jede Handlung, unabhängig von der subjektiven Intention, objektiv eine politische Aktion, die als Einflussnahme auf die Regierung gedeutet und dementsprechend sanktioniert wird. Neda starb, weil sie eine junge Frau war und sich auf den Straßen von Teheran bewegte. An diesem öffentlichen Ort wurde sie automatisch zu einer Protestierenden, deren tatsächliche politische Einstellung irrelevant für die Regierung wurde.

Neda wurde aber auch zur Projektionsfläche einer gesamten Generation von Iraner_innen in der Diaspora. Menschen, die mit der Nostalgie des Politischen ihres Lebens aufwachsen, da ihr Exil sonst keinen Sinn machen würde. Zumindest mir ist diese Nostalgie bewusst geworden. Nedas Tod hat mich für einen Moment gelähmt, mir den Atem genommen, um mir im nächsten Moment meine Abwesenheit in diesem politischen Prozess klar zu machen.

Denn meine Teilnahme beschränkte sich eben auf die Solidarität, darüber hinaus aber ging es eben nicht um mein Leben. Ich habe mich mit einer Gruppe von Menschen in einem fernen Land verbunden gefühlt, in dem ich geboren bin, in dem ich aber nicht lebe. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, in Deutschland sozialisiert und ich lebe in Deutschland. Ich war nicht Teil des politischen Aufstandes im Iran. Ich war stille Zuschauerin aus der Ferne.

Ich habe nach zwei Monaten aufgehört, die Vorgänge im Iran zu verfolgen und ich habe nicht mehr an den Demonstrationen teilgenommen. Ich bin zu meiner Doktorarbeit, zu meinen Freunden, zu meinem Alltag in Berlin zurückgekehrt. Und ich habe die Ereignisse im Iran mit der Zeit in den hintersten Teil meines Gedächtnisses verdrängt. Warum? Weil ich es konnte. Weil ich die Freiheit hatte, diese wieder zu vergessen.

Ich habe mir aber danach immer wieder die Frage gestellt, was der Sommer 2009 für mich persönlich bedeutete? Ich denke, es war ein Prozess der Selbstfindung oder Identitätsbildung. Ich habe dabei nicht zu meinen sogenannten iranischen „Wurzeln“ gefunden, sondern zu meinem Leben in Deutschland als deutsche Staatsbürgerin. Mir ist klar geworden, dass ich Teil der deutschen Gesellschaft bin und diese aktiv durch politisches Handeln im öffentlichen Raum gestalten muss. Der Sommer 2009 hat mich gelehrt, dass Partizipation nicht u-topisch ist, sondern einen Ort hat und wie viel mit meiner Selbstverortung zu tun hat. 

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ein Kommentar

  1. danke für den tollen artikel. gefällt mir außerordentlich gut, was du da schreibst. absolut nachvollziehbar, auch hinsichtlich meinem empfinden in bezug auf die gezi park proteste in der türkei.

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