Berlin Calling Stockholm

 

Über strukturellen Rassismus und (Selbst)Repräsentation in der Kunst

Berlin Calling Stockholm“ im Studio Я

des Maxim Gorki Theater

Am 23 und 24. November 2013 haben die Macherinnen des Studio Я – Marianna Salzmann, Monika Marotta und Bahareh Sharifi – des Maxim Gorki Theater die Schwestern und Brüder aus Stockholm bzw. Schweden gerufen. Sie haben sie gerufen, da die Lage dramatisch ist. Dramatisch in jeglichem Sinne und der Austausch unabdingbar. Die Schwestern und Brüder sind Künstler_innen und Aktivist_innen of Color, die in ihrer Arbeit eine Sprache des Aufschreis, eine Ästhetik des Widerstandes gegen die bestehenden Zustände suchen. Mit den Zuständen sind die europäische Flüchtlingspolitik, das Vorgehen gegen das Refugee Camp in Kreuzberg Berlin, Lampedusa in Hamburg, Reva in Schweden und das vor kurzem bekanntgewordene Dossier der schwedischen Polizei, die eine Registrierung der Roma Bevölkerung inklusive Kinder durchgeführt haben. Mit der Dringlichkeit sind auch die gesellschaftlichen Exklusionsmechanismen gemeint, die insbesondere in der dramatischen Umsetzungen am Theater deutlich werden. Die europäischen Theaterhäuser sind fast durchgängig weiß. Künstler_innen of Color werden systematisch aus den staatlichen und nationalen Theaterhäusern ausgeschlossen und es fehlt an einer Selbstrepräsentation. Die Gleichzeitigkeit und Ähnlichkeit der gesellschaftlichen und politischen Ereignisse haben zu einem gemeinsamen Einschreiten bewogen. Einer Formierung, die zunächst durch Gespräche über strukturellen Rassismus und (Selbst)Repräsentation zu einer gemeinsamen ästhetischen Intervention führen soll.

Am ersten Abend wurde anhand der Kinderbuchdebatte, die in beiden Ländern ähnlich verlaufen war, über strukturellen Rassismus in der Gesellschaft diskutiert. Als Vertreter der deutschen Seite war Mekonnen Mesghena eingeladen, Journalist und Leiter für das Referat „Migration & Diversity“ bei der Heinrich-Böll-Stiftung, der in Deutschland die Kinderbuchdebatte wegen der rassistischen Sprache in „Die kleine Hexe“ von Ottfried Preußler angeregt hatte. Als Moderator führte der Aktivist, Autor und Sozialforscher Mutlu Ergün an beiden Abenden die Gespräche. Mekonnen Mesghena stellte gerade für die schwedischen Gäste ausführlich dar, wie die Debatte in Deutschland geführt wurde.

Aus Schweden waren die Künstler und Aktivisten Behrang Miri und Nathan Hamelberg eingeladen. Behrang Miri hatte eine ähnliche Diskussion wie Mekonnen Mesghena angeregt. Miri war 2012 Künstlerischer Leiter der Kinder- und Jugendabteilung der Bibliothek des Kulturhuset Stockholm. Dort hatte er in Einvernehmen mit seinen Mitarbeiter_innen „Tintin au Congo“ (Tim in Kongo) von Hergé aus der Sektion, die nur für Kinder zugänglich war, in die Abteilung, in der Erwachsene ebenfalls Zutritt hatten, verlegen lassen. Bereits seit Jahren wird international der sich durchziehende Rassismus der Comicreihe „Tim und Struppi“ diskutiert, mit zum Teil divergierenden Konsequenzen. In Großbritannien und in den USA ist die Ausgabe mit einem speziellen Vorwort versehen, das den kolonialistischen Kontext der Entstehung erläutert. Zudem wird „Tim in Kongo“ in den britischen und amerikanischen Bibliotheken nur auf Anfrage herausgegeben. In Schweden ist die Ausgabe in Bezug auf die gewaltverherrlichende Großwildjagd geglättet worden, nicht jedoch hinsichtlich der offensichtlichen, diffamierenden Darstellungen Schwarzer Menschen, deren Ursprung als direkte Folge des Kolonialismus zu sehen ist. Unter dieser Prämisse hatte Miri es als den pädagogischen Auftrag der Erwachsenen angesehen, das Comic für Kinder und Jugendliche nur mit einer historischen Kontextualisierung zugänglich zu machen. Innerhalb von kurzer Zeit löste diese Entscheidung eine Welle der Empörung aus, die von Zensurvorwürfen bis hin zu persönlich rassistischen Beleidigungen und medialer Hetzjagd gipfelte, die Miri letztlich veranlasste, seinen Wohnort zu wechseln. Der Leiter der Kulturhuset Stockholm Eric Sjöström hatte nämlich innerhalb eines Tages die Verlegung der Ausgabe wieder rückgängig gemacht.

Auch Mekonnen Mesghena hatte bei der deutschen Debatte ähnliche Vorwürfe und Widerstände über sich ergehen lassen müssen. Die gleichartig verlaufenden Prozesse in Schweden und Deutschland machen die gesellschaftliche Praxis der Deutungshoheit und Mechanismen der Exklusion deutlich. Was als rassistisch und verletzend aufgefasst werden darf und wer solche Diskurse anregen und damit Teil der Gesellschaft ist, wird immer noch anhand der von nationalistisch definierten Vorstellung von Staatsbürger_innen geführt, bei der Personen of Color marginalisiert werden.

Allerdings gibt es immer mehr kritische Gegenstimmen und Widerstände, wie Nathan Haselberg, Mitglied von The Betweenship, einer Jugendorganisation die sich mit strukturellem Rassismus gegenüber Migrant_innen und jungen Menschen mit Einwanderungsgeschichte auseinandersetzt, darstellte. In seinem Vortrag beschrieb er die Zusammenhänge zwischen der gesellschaftlichen Exklusion von nicht-weißen Schwed_innen und den im Sommer stattgefundenen Ausschreitungen, die auf die immer größer werdende soziale Ungleichheit hinweisen.

Um diese Kämpfe nicht nur an den Rändern der Städte und damit in den Peripherien der Gesellschaft stattfinden zu lassen, hat die Kunst eine Verantwortung. Davon handelte der zweite Abend der Veranstaltung „Berlin Calling Stockholm“, bei der Dr. Daniele Daudé, Nasim Aghili und Farnaz Arbabi mit Mutlu Ergün diskutierten. Der Abend begann mit einer künstlerisch-akademischen Intervention, bei der Dr. Daniele Daudé auf die ihr immer zugewiesene Rolle als Schwarze Akademikerin in der Auseinandersetzung mit Rassismus hinwies und sich dieser damit verweigerte, in dem sie statt dessen einen Vortrag über ihr eigenes Spezialgebiet Theatersemiotik hielt. Hierbei wurde aber auch deutlich, dass der Zugang zu bestimmten Diskurs stets mitgedacht werden sollte. Ein Versuch sich einer unbehaglichen Zuweisung zu entziehen, schützt nicht vor der Gefahr, eigene Ausschlüsse zu reproduzieren.

Dieser Intervention folgte dann ein Vortrag von Farnaz Arbabi über ihre Arbeit an den Stadttheatern in Schweden. Farnaz Arbabi gilt als einer der erfolgreichsten schwedischen Regisseurinnen und hat im Laufe ihrer Karriere sowohl klassisches Repertoire wie auch eigene Theaterstücke mit einem Ensemble of Color inszeniert. So arbeitet sie beispielsweise sehr eng mit Jonas Hassen Khemiri zusammen, dessen neustes Theaterstück „Ich rufe meine Brüder“ gerade im Ballhaus Naunynstraße aufgeführt wurde. Eines der Arbeiten von Farnaz Arbabi ist Tribunal 12, bei der Anklage gegen Europa und seinen Menschenrechtsverletzungen erhoben wurde. Dieses dokumentarische Theater wurde zusammen mit Vertreter_innen von Menschenrechtsorganisationen und Schauspieler_innen in der Rolle von Flüchtlingen und Asylsuchenden auf die Bühne gebracht. Für das Theaterstück wurden Geschichten und Fälle von Flüchtlingen und Asylsuchenden, die an und vor der Festung Europa gescheitert waren.

Schließlich wurde der Bogen zwischen beiden Abenden durch Nasim Aghili gezogen. Nasim Aghili ist Autorin und Mitherausgeberin des Kulturmagazins FUL und Performerin bei der gleichnamigen Performancegruppe FUL. 2012 hatten sie zeitgleich mit der Kinderbuchdebatte eine Kooperation mit dem Kulturhuset Stockholm, in dem gerade „Tim in Kongo“ die Entscheidung von Miri rückgängig und das Comic in die Kinderabteilung verlegt worden war. Als Zeichen des Protestes und aus Solidarität mit Behrang Miri wurde die geplante Performance „Here/Här“ zu einem künstlerischen Widerstand gegen den sichtbaren strukturellen Rassismus. So wurde unter anderem ein Kurzfilm gedreht, in dem die Künstler_innen mehrere Ausgaben von „Tim und Struppi“ aus der Bibliothek des Kulturhuset Stockholm symbolisch entwendeten. Geplant war, dass dieser Trailer auf einer Leinwand als Dauerschleife im Kulturhuset für alle zugänglich gemacht werde. Zudem demonstrierten die Künstler_innen der Performancegruppe FUL in den zwei Wochen der Kooperation vor dem Kulturhuset Stockholm.

Eine Verantwortung gegenüber exkludierenden Gesellschaftsverhältnissen kann wie anhand der dargestellten Beispiele durch künstlerischen Ungehorsam übernommen werden. Davon handelt auch der Text „Aesthetics of Resistance? Artistic Research as Discipline and Conflict“ der Künstlerin und Kulturtheoretikerin Hito Steyerl. Es sei kein Zufall, dass viele der hier erwähnten Praxen aus sehr unterschiedlichen Perspektiven mit den klassischen Problemen der Repräsentation beschäftigt haben: mit ihrer Funktion als Macht/Wissen, ihren epistemologischen Problemen, ihrem Bezug zur Realität sowie mit ihrem Anspruch eine neue Wirklichkeit zu schaffen. Steyerl stellt fest, dass in der Geschichte der Kunst des 20 Jahrhunderts viele der historischen Methoden künstlerischer Forschung mit revolutionären Bewegungen oder mit Momenten der Krise und Reform in Verbindung stehen. In dieser Perspektive werde die Kontur eines globalen Netzwerks von Kämpfen sichtbar, die einen transversalen, relationalen und emanzipatorischen Verlauf hat. Daher müssen Strategien eines epistemischen Ungehorsams erfunden werden. Einem Zentrum von Macht/Wissen/Kunst, der ganze Bevölkerungen marginalisiere, gilt es nicht nur mit sozialem Kampf und Revolte, sondern auch mit epistemologischer und ästhetischer Innovation zu begegnen.

Unter diesem Licht standen auch die Gespräche des „Berlin Calling Stockholm“, bei der durch Vernetzung und Zusammenarbeit, ein gemeiner Weg des künstlerischen Ungehorsams begonnen wurde, um die existenten und sozialen Kämpfe auch ästhetisch eine Form zu geben. Im Studio Я des Maxim Gorki Theater wird dieser Diskurs 2014 unter den Titel „Berlin Calling Lampedusa“ und „Berlin Calling Teheran“ weitergeführt.

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